Erst ausgebrochen, dann ausgeschlossen – Iranische Flüchtlinge in Griechenland

In einem Waldstück nahe der mazedonischen Grenze versorgen deutsche Helfer die Menschen notdürftig mit einer warmen Mahlzeit und Wasser.
Zugenähte Münder und nackte Körper mit der Aufschrift „just freedom“ – auch das reichte nur für einen Tag Aufmerksamkeit. Danach wurde es ruhig um die Gestrandeten von Idomeni. Doch, wenn wir sie nicht mehr sehen, sind sie dann schon weg?
von - 31. Januar 2016

Zugenähte Münder und nackte Körper mit der Aufschrift „just freedom“ – auch das reichte nur für einen Tag Aufmerksamkeit. Danach wurde es ruhig um die Gestrandeten von Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze. Doch, wenn wir sie nicht mehr sehen, sind sie dann schon weg? Und: War es Flucht oder „nur“ die Suche nach einem besseren Leben?

Vor dem großen Basar in Teheran steht seit Jahren ein alter Mann mit einem Käfig voller Spatzen. Gegen umgerechnet einen Euro können Passanten einem der kleinen Vögel die Freiheit schenken. Sanft nimmt der Mann den Glücklichen heraus und lässt ihn fliegen. Ein schönes Ritual, es soll Glück bringen.

Wenn sich Menschen jedoch in ihrem eigenen Land gefangen fühlen, ist Befreiung ein ungleich größeres Wort. Auf einen gütigen Passanten kann man im internationalen System kaum hoffen, und mit Einmischung von außen hat man im Iran ohnehin äußerst schlechte Erfahrungen gemacht. Bleibt also nur die Selbstbefreiung. Durch Reformen? Durch Revolution? Auf beides warten sie schon zu lange. Bis sich die Verhältnisse in ihrer Heimat ändern, ziehen viele Iraner es daher vor, selbst auszubrechen. Einige privilegierte schaffen es mit Arbeits- oder Studienvisa in die USA, nach Kanada, Australien oder Europa. Den Menschen, die nun in Griechenland festsitzen, blieb nur der illegale Weg. Viele schlafen hier in heruntergekommenen Hostels oder sogar in Stadtparks im Herzen Athens. Die Plätze in staatlichen Camps sind ausschließlich Bürgerkriegsflüchtlingen vorbehalten. Der Rest muss sehen, wo er bleibt.

Es sind ganz unterschiedliche Gründe, die die Menschen zur Flucht getrieben haben. Viele sehnen sich nach den individuellen Freiheiten der westlichen Welt. Zum Teil wurde ihnen wegen der Teilnahme an den Demonstrationen 2009 eine Akte angelegt, die ihnen die Zukunft in ihrer Heimat verbaut. Manche suchen vor allem berufliche Perspektiven, andere sind zum Christentum oder anderen Religionen konvertiert und fürchten um ihr Leben.

Zu etwa 75 Prozent werden Asylanträge von Iranern in Deutschland derzeit bewilligt. Sehr viele hätten wohl gute Chancen auf Asyl in ihren Zielländern, wenn sie diese nur erreichen würden. Doch ganz gleich, wovor sie flüchten: Seit Mitte November vergangenen Jahres dürfen sie nicht mehr über die mazedonische Grenze. Auf den Einzelfall wird dabei überhaupt nicht geschaut, sondern – gegen jede Konvention – stur auf die Nationalität. „Mazedonien erledigt den Job für die Großen in Europa“, ist sich der Leiter eines der drei staatlichen Flüchtlingscamps in Athen sicher. Er möchte nicht namentlich genannt werden. Die Leidtragenden sind nun Menschen, die all ihre Hoffnung in dieses Europa gesteckt haben.

Sie konnten nicht mehr bleiben

Jedes Mal, wenn Said auf sein Handy schaut, kämpft er mit den Tränen. (Said ist nicht sein richtiger Name – er und alle anderen Personen in diesem Artikel wollten aus Angst vor Repression durch den langen Arm des iranischen Regimes nicht mit echtem Namen genannt werden.) Aus dem Display schaut ihn seine drei Monate alte Tochter Mana mit großen Augen an. In der Nacht auf dem überfüllten Schlauchboot irgendwo in der Ägäis hatte er sie im Arm gehalten. In nur drei Monaten Leben hatte sie den Tod bereits mehrfach vor Augen. „Hat dieses unschuldige Mädchen kein Recht auf Schutz in einem Land, in dem es menschenwürdig behandelt wird“, fragt Said.

Iranische Flüchtlinge in Griechenland

Idomeni: Wer nicht über die Grenze darf, muss umgehend mit dem Bus zurück nach Athen.

Angefangen hatte alles mit einem Kunden in Saids Frisörsalon in Shiraz. Immer wieder erzählte er von der Bibel, von Nächstenliebe und Vergebung. Es klang sehr anders als das, was im Iran von der „Islamischen Republik“ praktiziert wird – verlockend anders. Er begann sogenannte häusliche Kirchen zu besuchen. Orte, an denen sich zum Christentum konvertierte Iraner treffen, um Gottesdienste abzuhalten. Sie trafen sich abwechselnd in verschiedenen Wohnungen, um keinen Verdacht aufkommen zu lassen. Es gelang ihnen nicht.

Als die Polizei in die Wohnung der jungen Familie eindringt, sind sie gerade beim Kinderarzt. Die ältere, zweijährige Tochter Sahel ist krank. Bei ihnen zu Hause findet die Polizei nur die Familie von Saids Frau vor, Laptops und Mobiltelefone werden beschlagnahmt. Die Angehörigen informieren die Familie umgehend über den Besuch. Seitdem war die Familie nicht mehr in ihrer Wohnung. Sie flüchteten noch am selben Tag.

Bei Apostasie, dem Abfall vom Glauben, droht im Iran die Todesstrafe. Said weiß, dass Mitglieder seiner Gemeinde mittlerweile verschwunden sind. Für ihn und seine Familie gibt es kein Zurück. Mehrfach betont er, dass es ihm im Iran finanziell sehr gut ging und er seine Heimat nicht verlassen wollte, sondern musste.

Aussichten: schlecht, schlechter, am wenigsten schlecht?

Seit drei Wochen stecken sie nun in Athen fest, die Aufenthaltsgenehmigung in Griechenland ist auf einen Monat befristet. In einer Woche sind sie Illegale. Said möchte unbedingt nach Deutschland, wo einer seiner Brüder mit seiner Familie wohnt. Momentan hat er die drei Möglichkeiten, vor denen alle in Athen gestrandeten Flüchtlinge stehen.

Erstens, könnte er falsche Papiere besorgen, um es vielleicht über den normalen Grenzübergang in Idomeni zu schaffen. Die Erfolgsaussichten bei dieser Option sind sehr gering, und für eine vierköpfige Familie wären die Kosten dafür inklusive der höchstwahrscheinlich sinnlosen Reise an die mazedonische Grenze unverhältnismäßig hoch.

Zweitens: Er könnte in Griechenland Asyl beantragen. Hierbei ist zu bedenken, dass Deutschland nicht ohne Grund bereits seit 2011 nicht mehr nach Griechenland abschiebt. Die Aufnahmebedingungen sind katastrophal. Und wer will es einem jungen Familienvater verdenken, seine Kinder in ein Land mit möglichst guten Zukunftschancen bringen zu wollen?

Zuletzt könnte er noch einmal die Schlepper bezahlen und sich durch die Wälder und den Schnee nach Mazedonien und weiter durchkämpfen – mit einem zweijährigen und einem dreimonatigen Mädchen in den Armen. Man kann sich kaum entscheiden, welche der Optionen weniger schlecht ist als die anderen. Said muss sich entscheiden.

Die alleinreisenden, jungen Männer

Was in den Wäldern nahe der mazedonischen Grenze los ist, sehe ich vor Ort. Etwa 200 Menschen, meist aus Iran, Pakistan und Marokko verbringen hier die Nächte in leerstehenden Baracken oder gleich auf der nasskalten Erde. Sie warten auf die Schlepper. Manche haben es bereits fünf oder sechs Mal über die grüne Grenze versucht. Und sie versuchen es weiter, trotz der Schläge und Tritte mazedonischer Polizisten. Gegen Mittag kommt eine Gruppe deutscher Freiwilliger mit genügend warmer Mahlzeit für alle. „Gott möge euch schützen“, sagen viele, die hier einen Gemüsebratling mit Reis und Auberginenmus gereicht bekommen.

In einem Waldstück nahe der mazedonischen Grenze versorgen deutsche Helfer die Menschen notdürftig mit einer warmen Mahlzeit und Wasser. Hier sind es fast nur Männer – diese körperlichen Strapazen können Familien sich meist nicht antun.

Khalil hat mit seinem Bruder bereits mehrere Tage in diesem Waldstück verbracht. Er erzählt von den beschwerlichen und zum Teil demütigenden Erlebnissen auf dem Weg bis hierher. Gerade am Hafen von Athen gelandet, hatte er sich mit seinem Bruder an eine Mauer gesetzt, um sich in der Sonne etwas zu erholen. Da kam eine alte Frau auf sie zu und schrie, sie sollten verschwinden, sonst rufe sie die Polizei. Sie kamen ihrer Forderung nach und beobachteten, wie die Frau nun Pappkartons und Schälchen aufstellte. Da kamen ihre Katzen angelaufen. „Wir sind hier weniger wert als Katzen“, schließt Khalil, nicht ohne Galgenhumor.

Sie haben die nächtliche Überfahrt über die Ägäis überstanden. Noch heute hört er die verzweifelten Gebete von Müttern und die weinenden Kinder. Auch nach sieben gescheiterten Versuchen kann er nun nicht aufgeben. Sogar bis Serbien hat er es schon einmal geschafft, doch die Behörden schickten ihn zurück nach Idomeni. Sie haben Schulden gemacht, um diese Reise anzugehen, erklärt Khalil. Auf keinen Fall können sie jetzt zurück. Sobald er Deutschland betrete, möchte er anfangen zu arbeiten und alles zurückzahlen. Das ist der Plan.

Wie geht es weiter?

Wenn Griechen und Perser unter normalen Umständen aufeinandertreffen, wird gerne über Geschichte gesprochen. Beide Länder waren die Zentren von Weltreichen. Das verbindet. Trotz der Perserkriege, der großen Rivalität der damaligen Großmächte und der Tatsache, dass Alexander der Große im Iran eher als Alexander der Verfluchte bekannt ist. Damals, vor über 2000 Jahren, sind die Perser fatal an den Griechen gescheitert. Die Geschichte der Welt hätte wohl einen anderen Lauf genommen, wenn es ihnen gelungen wäre, die griechischen Stadtstaaten einzunehmen.

Was das mit den Iranern zu tun hat, die jetzt ebenfalls an der Türschwelle Europas aufgehalten werden? Nichts. Denn egal, ob sie aus Angst um ihr Leben oder Perspektivlosigkeit nach Europa flüchten, es sind eben keine „Invasoren“, die das Abendland „überrennen“ wollen. Und wie das Beispiel von Saids Familie zeigt, sind genügend unter ihnen, denen Europa das Menschenrecht auf Asyl de facto verweigert, trotz kleiner Kinder und eindeutiger Fluchtgründe.

Individuell betrachtet ist auch die Migration aus Perspektivlosigkeit meist verständlich, wenngleich sie keinen Anspruch auf Asyl mit sich bringt. In einer Herberge in Yazd, einer historischen Stadt zwischen den zwei großen Wüsten Irans, lernte ich Mohsen kennen. Nächtelang unterhielten wir uns über Literatur. Besser gesagt, er erklärte sie mir. Er wusste mehr über Proust, Dostojewski und Nietzsche als jeder europäische Literaturstudent, mit dem ich mich bisher unterhalten hatte. Hier servierte er nun Tee für Backpacker aus China und Europa. Wegen der Teilnahme an den Demonstrationen 2009 war er von seiner Universität verwiesen worden und hier gelandet. In Europa könnte er so viel erreichen. Noch ist er im Iran.

Wie diese Geschichten nun weitergehen, ist noch nicht besiegelt. Ein Happy End gibt es zumindest vor dem großen Basar in Teheran nicht: Die Vögel werden im anliegenden Park jedes Mal wieder gekonnt von dem alten Mann eingefangen, um aufs Neue als Glücksbringer für gutgläubige Passanten zu dienen. Khalil meldet über WhatsApp, es nach Mazedonien und bis an die serbische Grenze geschafft zu haben. Hoffentlich wird er nicht wieder eingefangen.

Der Autor schreibt unter dem Pseudonym Nima Ariani.