„Jeden Tag bereue ich, Syrien verlassen zu haben“

Vor Weihnachten war die Familie Badr noch vereint in München; jetzt ist die Mutter Lamya wieder zurück in Syrien.
Flüchtlinge sollen dankbar sein, keine Fehler machen und sich schnell integrieren – aber was, wenn man einfach nicht ankommen kann, weil man eigentlich nie weggehen wollte? Ein Gespräch.
von - 12. Februar 2016

Flüchtlinge sollen dankbar sein, keine Fehler machen und sich schnell integrieren – aber was, wenn man einfach nicht ankommen kann, weil man eigentlich nie weggehen wollte? Ein Gespräch.

Die Frau im Münchner Reisebüro rückt auf ihrem ergonomischen Drehstuhl hin und her. „Damaskus Flughafen? Damaskus in Syrien?“ – „Ja genau.“ – „Okay, ich muss mal nachsehen.“ Pause, Stirnrunzeln, prüfende Blicke, Hin- und Hergerücke. Ein Flug nach Antalya wäre ihr offenbar lieber gewesen. Sie dreht den Bildschirm ihres Computers in unsere Richtung. „Leider konnten wir keine Ergebnisse für diese Daten finden“, steht dort. Das Buchungssystem hat kapituliert, keine Flüge, keine Verbindungen nach Syrien, niemand will dort hin. Alle wollen weg.

Vor Weihnachten war die Familie Badr noch vereint in München; jetzt ist die Mutter Lamya wieder zurück in Syrien.

Vor Weihnachten war Lamya Badr noch vereint mit ihren Kindern in München; jetzt ist sie freiwillig nach Syrien zurückgekehrt.

„Beirut. Über Beirut fliegen. Die restlichen 110 Kilometer kann ich mit dem Auto fahren“, sagt Lamya Badr (Name von der Redaktion geändert). Das goldene Bonbonpapier raschelt in ihrer Hand. Die Dame im Reisebüro hatte ihr das Bonbon zugesteckt. Lamya Badr, 41 Jahre alt, hofft, in den nächsten Tagen zu fliegen. Sie muss ihren Arbeitsvertrag in Syrien verlängern, lässt ihren Mann und ihre vier Kinder in Deutschland zurück. Vor ihrer Ausreise hat sie unbezahlten Urlaub genommen, aber langsam läuft die Frist aus. Sie und ihr Mann arbeiteten dort als Juristen. Beide kontrollierten öffentliche Gelder und deckten Korruptionsfälle in Unternehmen auf. Jetzt hat Lamya Badr Angst, dass sie ihren Job in Damaskus verlieren wird, ihre Verbindungen in die Heimat abreißt, jede Rückkehr unmöglich wird. Ihr Mann hat seinen Job nach seiner Flucht verloren.

Sechs Wochen später: Lamya Badr ist inzwischen sicher in Syrien angekommen, sie ist von München nach Istanbul geflogen, weiter nach Beirut, von dort mit dem Auto nach Damaskus gefahren. Die Lage? „Ist okay. Aber es dauert, bis ich meinen Arbeitsvertrag verlängern kann,“ schreibt mir Lamya Badr. Ich kommuniziere mit ihr über Whatsapp, telefonieren ist schwierig.

2014 ist der syrische Jurist Sami Badr (links) nach Deutschland geflohen, später hat er seine Frau (Lamya) und seine Kinder nachholen können.

2014 ist der syrische Jurist Sami Badr (links) nach Deutschland geflohen, später hat er seine Frau Lamya (rechts) und seine Kinder nachholen können.

Lamyas Mann, Sami Badr, lässt uns an seinen Gedanken teilhaben. Sie kreisen vor allem um eines: Rückkehr in die Heimat.

Wann war der Moment, als Sie sich entschlossen haben, nach Deutschland zu fliehen?

Die Sicherheitslage in Syrien hatte sich extrem verschlechtert. Ich wurde von Aufständischen entführt und musste 3.500 Dollar zahlen, um mich freizukaufen. Niemand weiß mehr, wie viele verschiedene militante Gruppen es in Syrien gibt. Es herrscht Chaos. Die Kinder gingen zwar noch zur Schule, aber sie mussten oft abgeholt werden, weil der Heimweg nicht sicher war. Im Oktober 2014 machte ich mich dann alleine auf den Weg, angekommen bin ich 23 Tage später. Im Juni 2015 kam meine Familie mit dem Flugzeug nach.

Einschub: Sami Badr hat Syrien am 26.10.2014 verlassen. Er ist in den Libanon gereist und hat von dort einen Flug nach Algerien genommen. Die Strecke von Algerien über Tunesien nach Libyen hat er auf dem Landweg zurücklegt. Von der libyschen Grenze hat er ein Boot bis nach Italien genommen. Von dort ist er über Österreich am 20.11.2014 nach Deutschland gekommen. 

Wie haben Sie die Flucht erlebt?

Ich bin jeden Tag tausend Tode gestorben. Es sind Momente, die man nicht beschreiben kann. Es waren die schlimmsten Tage meines Lebens.

Ist Ihnen ein Moment besonders im Kopf geblieben?

Ja, das war in Algerien. Das Militär kontrollierte die Grenzen und wir mussten uns auf einem Lkw unter einer Plane verstecken. Ich hatte große Angst, zurückgeschickt zu werden. Die Minuten wollten nicht vergehen.

"Ich habe sechs Monate in einem Aufnahmecamp im Landkreis München gelebt, es war schrecklich. Wenn ich mein Essen kurz auf den Boden abgestellt habe, kamen Mäuse aus den Löchern und knabberten daran."

Mäuse haben Sami Badr das Leben im Flüchtlingslager zur Qual gemacht.

Wie war Ihre Ankunft in Deutschland?

Ich habe sechs Monate in einem Aufnahmecamp im Landkreis München gelebt, es war schrecklich. Wenn ich mein Essen kurz auf den Boden abgestellt habe, kamen Mäuse aus den Löchern und knabberten daran.

Haben Sie es je bereut, Syrien verlassen zu haben?

Ja, jeden Tag. Es war der größte Fehler meines Lebens, mein Land zu verlassen. Ich hatte Angst um die Kinder, aber ich hätte unser Schicksal in Gottes Hand legen müssen. Hier habe ich keine Zukunft.

Warum sagen Sie das heute?

Das Haus der Familie Badr in Damaskus wurde im Krieg teilweise zerstört.

Das Haus der Familie Badr in Damaskus wurde im Krieg teilweise zerstört.

Ich habe hier keine Zukunft. Ich bin 49 Jahre alt und Jurist. Mein Zeugnis ist hier nichts wert. Ich habe es übersetzt, beglaubigt, aber das bringt alles nichts. In Syrien hatte ich ein eigenes Haus, für jeden meiner vier Kinder hatte ich eine Eigentumswohnung gebaut. Ich hatte ein Auto, eine gutbezahlte Arbeit. Ich wurde respektiert.

Was fehlt Ihnen in Deutschland?

Meine Würde. Hier bin ich auf andere Menschen angewiesen, und das macht mich fertig. Im Jobcenter werde ich sehr schlecht behandelt. Die Frau, die für mich zuständig ist, behandelt mich wie Abschaum. Wenn ich gehen soll, wedelt sie mit der Hand, ohne mich anzusehen oder ein Wort zu sagen.

Wie reagieren Sie darauf?

Ich will keine Probleme machen. Ich bin gegangen. Aber ich fühle mich schrecklich, weil wir auf diese Leute angewiesen sind. Und ich muss den ganzen Tag zuhause sitzen. Ich möchte arbeiten, um Geld zu verdienen. Ich bin das Rumsitzen nicht gewöhnt.

Wie sah Ihr Alltag in Syrien aus?

In Syrien habe ich zehn bis zwölf Stunden am Tag gearbeitet. Aber das hat mir nichts ausgemacht. Ich war glücklich. Das Gehalt von mir und meiner Frau hat uns mehr als gereicht.

"Meine Würde," antwortet Sami Badr auf die Frage, was ihm hier in Deutschland fehle. Vor dem Krieg war er ein angesehener Jurist in Syrien.

„Meine Würde,“ antwortet Sami Badr auf die Frage, was ihm hier in Deutschland fehle. Vor dem Krieg war er ein angesehener Jurist in Syrien.

Würden Sie anderen Syrern empfehlen, nach Deutschland zu kommen?

In meinem Alter nicht. Wenn jemand jung ist und hier studieren möchte, dann hat er vielleicht Chancen. Aber ich? Soll ich in meinem Alter noch putzen gehen? Dann gehe ich lieber zurück in meine Heimat und lasse meine Kinder hier. Ich habe Angst, dass meine älteren Söhne zum Militär müssen.

Wie gefällt es Ihren Kindern denn in Deutschland?

Ich habe drei Söhne und eine Tochter. Layla ist erst sechs Jahre alt und hat nur schlechte Erinnerungen an Syrien. Hier hat sie nette Mitschüler und Lehrer und fühlt sich sehr wohl. Mein ältester Sohn ist sechzehn. In Syrien würde ich ihn bald auf die Uni schicken. Aber hier kenne ich mich nicht aus. Ihm fällt die Sprache schwer. Vielleicht wird er eine Ausbildung machen.

Tochter Layla liebt Deutschland und Dirndln.

Tochter Layla liebt Deutschland und Dirndln.

Haben Sie auch gute Erfahrungen gemacht in Deutschland?

Die Bildung der Kinder ist hier viel besser. Das ist ein großes Plus. Außerdem hat Deutschland von allen europäischen Ländern am meisten für die Flüchtlinge getan.

Haben Sie das Gefühl, angekommen zu sein in Deutschland?

Überhaupt nicht. Ich vermisse meine Heimat jeden Tag.

Was vermissen Sie am meisten in Syrien?

Ich vermisse das gemeinsame Zusammensein mit meiner Familie, das Essen und Trinken, die Moscheen, den Muezzinruf. Wenn ich meine Schwester besuchen wollte, schaute ich einfach bei ihr vorbei. Hier schleicht sich schnell Routine ein. Für alles gibt es Regeln und Termine.

Wenn einige Leute in Deutschland sagen, die Flüchtlinge sollen zurück in ihr Land. Was würden Sie ihnen antworten?

Gerne. Sofort. Dann bitten wir die europäischen Länder und Amerika aber auch, die gesamte Region in Ruhe zu lassen. Deutschland profitiert von Konflikten. Die Regierung versorgt Länder wie Saudi-Arabien mit Waffen und heizt den Konflikt damit an.

Was wünschen Sie sich für Ihre Zukunft?

Frieden. Wenn auch nur ein bisschen – und dann gehe ich sofort zurück nach Syrien. Ich werde das Land mit aufbauen. Dort habe ich Chancen, dort kann ich dem Land etwas bieten. Das alles wird hier nicht gesehen. Hier bin ich ein Flüchtling, und das will ich nicht mehr sein.

Was bedeutet die Bezeichnung „Flüchtling“ für Sie?

Ich finde das Wort schrecklich. Ich fühle mich wie ein Bettler, der auf andere Menschen angewiesen ist.

Hätten Sie ein besseres Wort?

Ein Gast oder Bewohner. In meinem Fall: Ein temporärer Gast.

 

 

Die Familie kommt nicht zur Ruhe: Lamya Badr hofft, in einem Monat wieder bei ihrer Familie in Deutschland zu sein. Sami Badr hofft, so schnell wie möglich zurück nach Syrien zu reisen. Die Kinder lernen weiterhin deutsch. Das Profilbild auf WhatsApp von Lamya zeigt ihre sechsjährige Tochter Layla, sie trägt ein Dirndl und hat lange, geflochtene Zöpfe. Sie liebt Deutschland. Wenn man sie fragt, ob sie zurück nach Syrien will, schüttelt sie nur den Kopf und sagt: „Hier ist es schöner“.

Anmerkung der Redaktion: Die Namen der Protagonisten wurden geändert. Sie haben Sorge, dass sie durch ihre Aussagen falsch verstanden werden und Probleme mit ihren Aufenthaltstiteln bekommen. Die Familie ist Deutschland sehr dankbar.

Aber „Syrien bleibt meine Heimat“, sagt Sami Badr.